Gegenwärtige Krise des Westens – einige Gedankensplitter

26.04.2026 – auszugsweise vorwiegend orientiert an Rainer Mausfeld, Hegemonie oder Untergang, Die letzte Krise des Westens?-

„In den vergangenen Jahren ist es für den Westen immer schwieriger geworden, die Kluft zwischen Realität und Rhetorik wirksam zu verschleiern. Genau daraus resultiert letztlich die gegenwärtige Krise des Westens. Die sorgfältig polierte Oberfläche der üblichen Rhetorik einer Verteidigung »unserer Werte« weist wachsende Risse auf. Die Illegitimität bestehender Machtverhältnisse wird sichtbarer. Denn der rhetorisch viel beschworene »Volkswille« wird in »kapitalistischen Demokratien« im Wesentlichen von oben ausgeübt. Das kapitalistische Gesellschaftsmodell einer Trennung von Staat und Gesellschaft, also von Politik und Ökonomie, das grundlegende Entscheidungen über die gesellschaftliche Entwicklung der gesellschaftlichen Basis entzieht und sie in die Hände von Kapitalbesitzern legt, lässt zunehmend seinen zutiefst autoritären und selbstzerstörerischen Charakter erkennen.“

„Die Bevölkerung akzeptiert diese Form einer freiwilligen Unterwerfung, solange sie mit den Privilegien eines vergleichsweise hohen Lebensstandards belohnt wird. Die Form einer »kapitalistischen Demokratie« konnte sich am ehesten in jenen Teilen der Welt herausbilden, in denen imperialistische Ausbeutungsverhältnisse einen solchen privilegierten Lebensstandard sichern konnten. Gegenwärtig zerschellt jedoch die mehr als dreißig Jahre von westlichen Eliten, insbesondere von der Wall Street, genährte niederträchtige Phantasie einer schuldenfinanzierten Wirtschaft und eines hyperfinanzierten Konsums auf Kosten schwächerer Länder.

[Ein Konsum wird als »hyperfinanziert« bezeichnet, wenn ein Zugriff auf Konsumgüter vorrangig über Verschuldung oder Finanzprodukte erfolgt statt durch reales Einkommen und dadurch Finanzunternehmen zu zentralen Akteuren im alltäglichen Konsum werden. In einer hyperfinanzialisierten Wirtschaft ist die Verschuldung der Haushalte Voraussetzung für Wachstum.]

Wachsende Teile der Bevölkerung erkennen, dass die in der politischen Rhetorik vermittelte >Realität< lediglich eine ideologische Scheinwelt ist, die mit der faktischen Realität nicht mehr in Einklang zu bringen ist. Und sie erkennen, dass es bei dem Kampf, zu dem die Bevölkerung aufgerufen wird, keineswegs um unsere Werte geht. Für die Stabilität herrschender Machtverhältnisse birgt natürlich ein öffentliches Sichtbarwerden der Kluft zwischen Realität und Rhetorik eine große Gefahr. Die Macht des Westens droht zu erodieren und zu zerfallen.“

„Krise bedeutet im ursprünglichen Wortsinn den Scheidepunkt, an dem ein lange schwelender bedrohlicher Prozess sich offenbart, an dem also unverhüllt die Wahrheit über ein Problem offen zutage tritt. Die inneren Widersprüche des Westens tragen ein gewaltiges Krisenpotential in sich. Die Wahrheit, die nun in der gegenwärtigen Krise wieder unverhüllt sichtbar wird, ist der gewaltbasierte Hegemonialanspruch des Westens, den dieser seit den Tagen des Kolonialismus hinter moralistischen Phrasen zu verschleiern sucht. ….

Die Ausgebeuteten, Unterjochten und Entrechteten sind heute immer weniger bereit, sich in diese Rolle zu fügen. Sie beginnen, sich organisatorisch zusammenzuschließen und ihre Rechte auf der Weltbühne einzufordern. Die Reaktion des Westens ist aus der Geschichte großer Imperien vertraut: Immer aggressiver verteidigt er seine hegemonialen Ansprüche – nach innen gegen Kritiker, nach außen gegen alle, die sich seinen Vorstellungen einer globalen Ordnung entgegenstellen.“
Dabei geht es um die materielle Stützung seiner Lebensform – oft als »American Way of Life« bezeichnet – und das letztlich nicht ohne Krieg.

[»Wir führen einen Krieg, bei dem es um das Überleben unserer Lebensweise geht. Und der Schwerpunkt dieses Kampfes liegt nicht allein auf dem Schlachtfeld. Es ist ein Test des Willens, und er wird auf dem Feld der weltweiten öffentlichen Meinung gewonnen oder verloren.« Donald Rumsfeld, ehem. US-Verteidigungsminister, organisierte den Irak-Kriegund befürwortete die Folter in Guantanamo, zitiert bei Jürgen Rose, Ernstfall Angriffskrieg, Frieden schaffen mit aller Gewalt?, S. 199]

Wie begreifen? »Wir kommen nicht umhin, die Welt als Ganzes zu denken mit aus diesem Gedanken die uns vertraute Wirklichkeit zu verstehen.« (Dieter Henrich, Philosophieprofessor)

Also: „Die Gewalt, die der Westen über fünfhundert Jahre in die Welt getragen hat, richtet sich zunehmend gegen ihn selbst. Die von ihm selbst erzeugte Gewalt wird von ihm jetzt, in einer geradezu wahnhaften Umkehrung der tatsächlichen Ursachenverhältnisse, als Bedrohung seiner »Werte« und als große Krise der menschlichen Zivilisation schlechthin ausgerufen. Sein Abwehrkampf gegen eine solche Bedrohung kann natürlich nur ein totaler sein, denn schließlich geht es um nichts Geringeres als um das Ganze. Es geht um das Ganze der Sicherung einer Lebensform, die sich über hunderte von Jahren auf Kosten der übrigen Welt herausgebildet hat. Der Westen sieht die Gefahr, den parasitären Lebensstandard, den er viele Jahrhunderte auf Kosten der übrigen Weltbevölkerung errungen und gesichert hat, nicht mehr aufrechterhalten zu können, zumindest nicht, ohne noch sehr viel größere Gewalt anwenden zu müssen. Eine solche existentielle Krise erfordert daher Verteidigungsanstrengungen, die alle gewohnten Maßstäbe und Vorstellungen sprengen.

Auf der Bühne der Weltgeschichte wird die neue Epoche von denen, die sich als ihre Protagonisten verstehen, angekündigt als eine Epoche gewaltiger Krisen und Bedrohungen. Das ist eigenartig und erhellend zugleich. Denn für die Komparsen und Statisten, also für die große Masse der »Irrelevanten«, zu denen der weit überwiegende Teil der Weltbevölkerung auf der politischen Bühne der Weltgeschichte gemacht worden ist, hat die Zeit großer Krisen und Bedrohungen niemals aufgehört. Was aber ist dann das Besondere an der Epoche, in die wir gegenwärtig eintreten?
Das Besondere in der gegenwärtigen Zeit der Krisen ist zweifellos, dass »wir« es sind, die sich bedroht fühlen.“

[»Ja, Europa ist ein Garten. Alles funktioniert. Es ist die beste Kombination aus politischer Freiheit, wirtschaftlichem Wohlstand und sozialem Zusammenhalt, die die Menschheit je geschaffen hat, alle drei zusammen […] Der größte Teil der übrigen Welt ist ein Dschungel, und der Dschungel könnte in den Garten eindringen.« Josep Borrell, Kommissar für Außen- und Sicherheitspolitik der Europäischen Union, 2022 in seiner Rede bei der Einweihung der Europäisch-Diplomatischen Akademie in Brügge, Belgien]

Borrell weiter: „Diese Bedrohung sei so gewaltig, dass wir zu ihrer Abwehr bereit sein müssten, historisch mühsam gewonnene zivilisatorische Errungenschaften über Bord zu werfen und auf elementare Grundrechte zu verzichten. Der zivilisatorische Endkampf zur Verteidigung »unserer Werte« erfordere nun einmal eine große Opferbereitschaft, denn nun gehe es wirklich um das Ganze.

Um die Bevölkerung auf die von ihr zu erbringenden Opfer vorzubereiten und sie darauf durch einen geeigneten Feindbildaufbau einzustimmen, musste nichts Geringeres als eine neue Epoche der Geschichte ausgerufen werden; sie wurde 2020 vom damaligen deutschen Bundeskanzler als »Zeitenwende« bezeichnet.
Was jedoch nicht bedeutete, dass der Westen von seinen historisch tief verwurzelten hegemonialen Ansprüchen abrückte und sich mit einem geringeren Maß der Ausplünderung schwächerer Länder begnügen würde. Vielmehr bedeutet sie in der Tradition der Anwendungen organisierter Gewalt des Westens eine massive weitere Vergrößerung dieser Gewalt – also vor allem militärischer und ökonomischer Gewalt.
Im Rahmen dieser »Zeitenwende« spielt Deutschland bei der globalen Aufrüstung eine treibende Rolle….“

 Fabian Scheidler, Autor und Dramaturg, in seinem Interview mit der jungen Welt, 15. April, S. 9:
»Die militärische Karte ist die einzige, die dem Westen noch bleibt« Aggressive Krisenpolitik einer USA im Niedergang, Militarisierung und Widerstand hierzulande.
»Wir haben es…mit einer insgesamt autoritären Konstellation zu tun – bei den bürgerlichen Parteien und den neofaschistischen Kräften. In dieser Situation braucht es starke Alternativen. Und ich glaube, es gibt diese Möglichkeiten auch, weil die aktuelle Entwicklung – insbesondere die Zerstörung des Sozialstaates zugunsten der Militarisierung – den Interessen der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung widerspricht. Das ist meines Erachtens auch die Aufgabe linker Kräfte in diesem historischen Moment: Menschen zu organisieren, Bündnisse zu bilden gegen die Militarisierung und für die Ausweitung sozialer und demokratischer Rechte.«                          
                                                 

                                                                                                                                                           -offalsfeld-

Personalmangel bei der Bundeswehr

junge welt, 22. April

Der vormalige Rhein -Metall-Manager und jetzige Bundestagsabgeordnete Bastian Ernst (CDU) sieht die Vorteile der Erhöhung der Altersgrenze für Reservisten auf 70 Jahre: »Das Renteneintrittsalter steigt ja auch sonst. Die Leute bleiben länger fit. Wir sollten diese Ressourcen von Menschen mit Lebens- und Berufserfahrung nicht verschwenden«.

Wider die Naturalisierung des Krieges

junge welt, 17.4.2026

Dem Trend, Gewalt zu einer menschlichen Konstante zu erklären, muss man bereits auf der Ebene der Begriffe begegnen. Frieden denken unter Bedingungen des Krieges. Von Hannes A. Fellner.

In diesen Tagen erscheint das neue Heft der Zeitschrift Marxistische Blätter mit dem Schwerpunkt „Militär Republik Deutschland? Ohne uns!“

Die junge Welt veröffentlichte am 17. April den gekürzten Aufsatzes „Frieden denken unter Bedingungen des Krieges. Von Hannes A Fellner.

Hannes, A. Fellner ist Professor am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien. In seinem Aufsatz schreibt er: „Krieg erscheint in der gegenwärtigen politischen Öffentlichkeit zunehmend als ein Zustand, an denen man sich zu gewöhnen habe.“ Mehr und mehr wird Krieg als unausweichliche Begleiterscheinung, als alternativlose Reaktion auf Bedrohungen, zur Abschreckung oder als friedensstabilisierende Maßnahme dargestellt. Als Sprachwissenschaftler weist er darauf hin, dass sich diese Normalisierung des Krieges keineswegs nur auf der militärischen Ebene vollzieht, sondern auch auf der begrifflichen Ebene. Auch wer schon verstanden hat, dass Frieden nicht nur die Abwesenheit von Kampfhandlungen bedeutet, findet in Fellmers Ausführungen zum Friedensbegriff, zur Geschichte der Friedensidee viele bereichernde und aufschlussreiche Gedanken.

Zunächst räumt er mit der Vorstellung auf, dass Krieg zur menschlichen Natur gehöre und sozusagen unser ewiges Schicksal sei.

Kriege entstehen nicht, weil der Mensch von Natur aus aggressiv oder kriegerisch ist, nein, Kriege entstehen aus gesellschaftlichen Strukturen von Herrschaft, Konkurrenz und Ausschluss. Diesen Punkt zu erkennen, und gründlich zu reflektieren, ermöglicht erst, den Frieden aus dem privaten Bereich aus dem persönlichen ins politische zurückzubringen.

 Es geht in dem Aufsatz  weiterhin um die Geschichte der Friedensidee, dem Friedensbegriff als Waffe, Kapitalismus und Krieg, Frieden und Gewalt, Die liberale Illusion- eine der wirkmächtigsten Ideologien des Kapitalismus. Suggeriert wird die Vorstellung, Frieden entstehe sozusagen automatisch aus der Verbreitung liberaler Institutionen. Aktuell ist es mehr als offensichtlich, wie gerade jene Staaten, die sich als Vorreiter von Demokratie und Freiheit präsentieren, expansive Kriege zu führen, so wie sie es schon immer getan haben. Und wie der Friedensbegriff sich verändert. Wer bestimmt den Diskurs? Darüber verliert der Aufsatz kein Wort und regt doch sehr intensiv das eigene Denken an, und das macht ihn so wertvoll. Sehr schön seine Schlußbetrachtung: ….“Frieden ist weder bloßes Ideal noch bloße Strategie, sondern eine Bedingung der Möglichkeit zukünftiger Geschichte. Ihn zu denken heißt, die Grenzen des Bestehenden zu erkennen-und sogleich die Notwendigkeit ihrer Überschreitung.“

Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagsfähig“

die Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen“ hat es mit dem Thema „Keine Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland“ unter die ersten 20 Themen in der Volksabstimmung von Abstimmung21 geschafft! Die Initiative Abstimmung21 ist ein gemeinnütziger Verein, der sich für die Einführung bundesweiter Volksabstimmungen einsetzt.

Wir haben noch bis zum 15. April 2026 Zeit, um es unter die ersten drei Themen zu schaffen, über die es dann im Herbst eine Volksabstimmung geben wird, an der sich im letzten Jahr über 80.000 Menschen beteiligt haben. Unser Thema liegt aktuell nur auf Platz 18 mit knapp 4.400 Stimmen. 

Ohne jegliche parlamentarische oder gesellschaftliche Debatte vereinbarte 2024 die deutsche mit der US-amerikanischen Regierung die Rückkehr von landgestützten US-Mittelstreckenwaffen auf deutschem Boden. Nach über 35 Jahren, in denen diese gefährlichen Waffen aus Europa verbannt waren, soll die Stationierung in diesem Jahr beginnen. Diese Entscheidung beendet die Ära der gegenseitigen Rüstungskontrolle zwischen den USA und Russland. Wir kehren zurück in eine Logik, in der Sicherheit nur durch immer mehr Raketen definiert wird. Jede neue Waffe auf der einen Seite provoziert weitere Aufrüstung auf der Gegenseite. Dieses Wettrüsten verschlingt Milliarden und verringert unsere tatsächliche Sicherheit. Durch die Stationierung dieser strategisch entscheidenden Angriffswaffen droht Deutschland im Konfliktfall zum vorrangigen Ziel zu werden.

Bitte helft uns und stimmt für das Thema „Keine Stationierung von US-Mittelstreckenwaffen in Deutschland“ unter https://abstimmung21-mitmachen.de/proposals/332-keine-stationierung-von-us-mittelstreckenwaffen-in-deutschland

„Nie wieder Krieg“ ist Partnerorganisation der Kampagne „Friedensfähig statt erstschlagfähig. Für ein Europa ohne Mittelstreckenwaffen“.

Keine Kritik am »Partner«

9.April 2026 Von Philip Tassev in der jungen Welt:

Bundesregierung begrüßt Waffenruhe im Iran – aber keine Distanzierung von Trumps Völkermorddrohungen. Linke fordert Abzug der US-Truppen aus der BRD

Noch vor Trumps letzten Drohungen zerstörten USA und Israel auch Schulen und Hochschulen im Iran (Teheran, 4.4.2026) junge Welt

….“Kein offizielles Wort verlor die Bundesregierung hingegen zu der völkermörderischen Drohung ihres »Partners« Donald Trump, der am Dienstag noch verkündet hatte, er werde die »gesamte Zivilisation« im Iran vernichten, sollte Teheran sich nicht beugen. Die Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, kritisierte das. »Selbst dann, ‌wenn Trump damit droht, eine ganze Zivilisation auszulöschen und damit eindeutig rote Linien überschreitet, bleiben klare Worte der Kritik aus Berlin aus«, sagte sie gegenüber Reuters am Mittwoch. Der »selbsternannte ‌Außenkanzler Merz« habe sich bislang »vor allem durch ‌politisches Duckmäusertum gegenüber Donald Trumps zerstörerischer Politik hervorgetan«. Die Haltung der Bundesregierung sei »feige« und mache Deutschland in künftigen Konflikten erpressbar. Eine »souveräne europäische Politik« müsse statt dessen der »kriegstreibenden Linie Trumps entschlossen entgegentreten«. Das bedeute auch, »dass US-Basen wie Ramstein unverzüglich geschlossen werden müssen«…..

Auch die Berliner Zeitung berichtet am 9. April über die „Vernichtungsrhetorik“ Trumps und das Schweigen Europas. Die Enthemmung hat System. Lesen Sie hier weiter….

Das Friedenszeitalter ist ganz nah

Über die neue Friedenslogik

Der Heldenstaat, das Spiegelprinzip und
warum Krieg überflüssig wird, auch wenn es gerade nicht so aussieht.

Übersetzt von Ingrid Suprayan, Bobby Langer und Christa Dregger (Zeitpunkt). Die englische Originalfassung dieses Essays ist hier zu finden.[Dieser Artikel ist unter einer Creative-Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 3.0 Deutschland) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen darf er verbreitet und vervielfältigt werden.]